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Vorwort - Die Geschichte der Raumfahrt
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II. Aktion
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Das Phantastische Projekt ASTROCOHORS - Romane

1. Aufbruch

Ein Raum. Offenbar groß, denn es sind keine Wände zu sehen. Alles im Hintergrund verschwindet in einer undurchdringlichen Schwärze. Ein Tisch mit einer Oberfläche, die aus hellem Stein zu bestehen scheint. Darauf liegt ein Bündel; etwas, das in eine Art braunen Lederlappen eingewickelt ist.
Die Hände eines alten Mannes sind zu sehen. Er trägt ein graues Stoffgewand mit weiten Ärmeln. Die Hände nehmen das Bündel und ziehen das Leder auseinander. Darin eingewickelt erscheint ein ungefähr zwanzig Zentimeter langer Stab aus Kristall von etwa vier Zentimetern Durchmesser. Der Mann fasst den Stab an beiden Enden und beginnt, ihn zu biegen. Er scheint nicht viel Kraft zu brauchen, denn schon bricht der Kristall in der Mitte durch. Dabei ist an der Bruchstelle ein kurzes Aufleuchten zu sehen und ein roter Schimmer, der über die beiden Bruchstücke zieht.
Doch schon ist es vorbei. Die beiden Hände packen die zwei Stücke wieder in den Lederlappen ein. Dann entfernt sich der Mann. Das Bündel bleibt auf dem Tisch zurück.

 

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10. November 2394

Happy Birthday to me! Seufz!

Rán Tian’ui saß allein im warmen, weißen Sand der weiten Strände der Yekan-Küsten. Das machte sie manchmal, in letzter Zeit wieder häufiger. Es waren Tage wie dieser, der sie sehr radikal an ihre Situation in ihrem Leben erinnerten. Und immer wieder stellte sie sich die Fragen: Warum? Wie? Eine Antwort jedoch fand sie nie. Sie vermisste ihr altes Leben. Doch das wurde vor ungefähr dreizehn Jahren zwangsweise beendet, als man sie für etwas bestrafte, das sie eigentlich nicht zu verantworten hatte.

Rán war eine siebenundzwanzig Jahre alte Humanoide aus dem System Sol. Geboren wurde sie auf Neptun, wo sie auch die meiste Zeit gelebt hatte. Dann, vor achtzehn Jahren, brach der große solare Krieg aus. Normalerweise wehrten sich Linguisten gegen die Verwendung der Phrase „ein Krieg bricht aus“, denn das wirkte, als sei ein Krieg etwas wie eine Naturkatastrophe, die plötzlich über die Beteiligten herein brach, wie ein großes Unglück. Zwar war ein Krieg auch ein großes Unglück, doch er brach nicht aus. Nicht im eigentlichen Sinne. Es gab immer jemanden, der den Krieg begann. Für die Terraner, den Menschen der Erde, brach dieser Krieg jedoch aus, denn sie waren keine Beteiligten. Im Gegenteil, bis zuletzt hatten sie versucht, zwischen den Parteien zu vermitteln. Umsonst. Die Fornyoter nahmen einen inszenierten Grenzzwischenfall zum Anlass, ihre Nachbarn zu überfallen. Damit brach die Hölle los, es bildeten sich viele Lager innerhalb des Sol-Systems, die alle gegeneinander kämpften. Zuerst hatten sie immer noch versucht, zu vermitteln, doch als klar wurde, dass der Große Herrscher von Fornyot nicht bereit war, sich auf irgendetwas einzulassen, stellten sie jede Bemühung ein und beobachteten, wie dieser zuerst Planet um Planet eroberte, bevor er von der Armee von Eredemi zurückgedrängt wurde. Auf einmal wendete sich das Blatt und das fornyotische Gebiet wurde Kriegsschauplatz.

Rán seufzte noch einmal. Sie war in den letzten Tagen dieses Krieges gerade mal vierzehn Jahre alt gewesen. Die Regierungen verschiedener Planeten des Sonnensystems hatten eine Aktion gestartet, dass man die Kinder auf Schüleraustausch-Reisen schickte in Gebiete, wo kein Krieg herrschte. Das war sehr schwierig, aber machbar, denn es gab eine Möglichkeit, sie in ein weiter entferntes Nachbarsystem zu bringen. So kam Rán nach Yekan. Sie sollte dort für sechs Monate bleiben. Die Yekaner waren ein freundliches Volk von Humanoiden, auch wenn sie für Menschen unheimlich wirkten; ihr Aussehen erinnerte stark an terranische Löwen. Sie hatten ein helles, kurzes Fell und einen Raubtierkopf, sie gingen aber aufrecht und hatten die Proportionen von Menschen. Die Männer hatten langes, dunkles Haupthaar, eben eine Löwenmähne, so wie man es erwartet hätte. Wenn sie sprachen, klang es sehr rau und sie entblößten ihre Reißzähne. Entgegen dem, was mancher vielleicht von ihrem Aussehen her erwartet hätte, waren sie aber recht friedfertige und freundliche Wesen. Rán hatte sie gut eingewöhnt und auch schon einiges der yekanischen Sprache gelernt.

Nach drei Monaten verbreitete sich die Nachricht mit Lichtgeschwindigkeit durch die Galaxis: Fornyot stand kurz vor der Aufgabe. Rán hoffte inständig, dass der Krieg bis zum Zeitpunkt ihrer Heimkehr beendet sein würde. Doch was in den folgenden Tagen geschah, überstieg ihr Fassungsvermögen und Verständnis bei weitem. Die Verbündeten von Fornyot waren niedergeschlagen, Fornyot selbst fiel einige Tage später. Doch dann unternahmen die Terraner eine Aktion gegen irgendwelche Verbündeten der Fornyoter, die SIE auf den Plan rief.

Wer SIE waren, wusste offenbar niemand. Ein uraltes galaktisches Volk mit großer Macht. SIE kamen und befanden, die Terraner hätten ein Verbrechen begangen. Die Verteidigung der Erde und ihrer Nachbarwelten rechtfertige nicht die Tat, die in ihrem Namen begangen worden war. Und SIE sprachen das Urteil: Verbannung!

Bild: ESA

Rán umklammerte ihre Beine und legte ihren Kopf auf die Knie. Dreizehn Jahre. Sechs Monate hatte sie bleiben wollen. Doch es war alles so schnell gegangen. SIE hatten ein Ultimatum von 48 Stunden gestellt. Wer innerhalb der 48 Stunden sich in einem von IHNEN festgelegten Bereich um Sol und ein paar Nachbarsystemen befand, würde mit den Solarern in die Verbannung geraten. Wer außerhalb dieses Bereichs war, würde ausgeschlossen bleiben. Natürlich setzten sofort zwei Fluchtbewegungen ein: die eine Seite, die unbedingt aus diesem Bereich heraus, und die andere, die unbedingt dort hinein wollte. Rán wollte unbedingt zurück zu ihren Eltern, doch es war unmöglich: Sämtliche Transportmöglichkeiten waren bereits voll. So musste sie von Yekan aus erleben, wie SIE die Verbannung vollstreckten: Der Bereich um Sol herum wurde in die Nebelsphäre eingeschlossen. Dort, wo man zuvor das Sol-System und seine Nachbarn gefunden hatte, befand sich nun ein großes, rundes Gebilde. Es wirkte ein wenig, als sei es eine große Glaskugel, in der sich Nebel befand, der den wahren Inhalt der Kugel verbarg. Der Nebel war untersucht worden und man fand nichts weiter als gewöhnlichen galaktischen Nebel, nur eben von ungewöhnlicher Dichte. Also beschlossen einige mutige Raumschiffkapitäne, ihr Glück zu versuchen und in die Nebelsphäre einzudringen. Das gelang ihnen nicht. Kaum dass ihre Schiffe die Grenze der Sphäre erreichten, schien die Energie ihrer Antriebe von einer unbekannten Kraft abgezogen werden. Es war unmöglich, in die Nebelsphäre einzudringen. Und man war sich sicher, dass es genauso unmöglich war, von drinnen nach draußen zu kommen.

Die Bewohner des Sol-Systems, die sich außerhalb der Sphäre befanden, waren auf einmal heimatlos geworden. Keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Rán musste sich irgendwie selbst durchschlagen. Es gab keine offiziellen Stellen, an die man sich hätte wenden können. Niemand fühlte sich für das Schicksal der Sol-Bewohner verantwortlich. Rán hatte das Glück, über eine Fähigkeit zu verfügen, die ihr bald sehr nützlich werden sollte. Die Oberfläche des Planeten Yekan bestand quasi aus einem einzigen großen Kontinent und einem noch größeren Meer. Der Kontinent hatte einen langen Küstenstreifen und der Raumhafen der Hauptstadt des Planeten lag nicht weit vom mehr entfernt. Man musste sich gar fragen, warum der Raumhafen ausgerechnet an dieser Stelle gebaut worden war, denn der Anflug war nicht einfach. Die Raumschiffe, die sich ihm näherten, mussten zuerst die Stadt anfliegen, über sie hinweg hinaus aufs Meer, dann eine 180-Grad-Wendung vollziehen und den Raumhafen ansteuern. Das ging nicht immer gut, es gab etliche Schiffe, die bei der Wendung ins Meer stürzten, viele mussten, um leichter zu werden, Fracht abwerfen. Die Gewässer vor der yekanischen Küste waren mit Wracks übersät. Leider war das Wasser dort teilweise recht tief, so dass es nicht ungefährlich war, nach ihnen zu suchen. Aber Risiko hatte noch nie jemanden abgehalten und so gab es an dem Streifen Küste unmittelbar im Einzugsgebiet des Raumhafens etliche Wracktaucher. Manche behalfen sich mit Atemluftflaschen, doch die waren sehr hinderlich, wenn man in die abgestürzten Raumschiffe hinein musste, um sie zu durchsuchen. Viele der Taucher behalfen sich mit kleinen Geräten, die einen sehr beschränkten Vorrat an Atemluft hatten und mit denen sie nicht sehr tief kamen.

Rán jedoch kam vom Neptun, einem Planet, dessen Oberfläche fast zur Gänze aus Wasser bestand. Sie gehört einem Volk von Amphibioniden an. Das sah man ihr kaum an, man hätte sie auch für eine Terranerin halten können, sie war etwa einen Meter fünfundsechzig groß, von schlanker Statur, mit blonden Haaren und hellblauen Augen. Doch gerade die letzten beiden Eigenschaften waren fast typisch für die Neptunier. Der Planet war sehr weit von der Sonne entfernt und die Bewohner lebten die meiste Zeit unter Wasser. Ihre Haut war hell, genauso wie ihre Haare, jedenfalls unter „normalen“ Umständen. Doch unter der intensiven Sonne von Yekan hatte auch ihre Haut angefangen, nachzubräunen. Sie hatte Glück, dass das geschah, denn nur die Haut von Neptuniern mit bestimmten Genen hatte genügend Pigmente dafür. Die meisten ihres Volkes blieben auch unter der Sonne bleich; wenn sie sich zu lange unter ihr aufhielten, erlitten sie sogar Verbrennungen.

Als Amphibionidin konnte Rán natürlich tiefer tauchen als alle anderen. Das Wasser war ihr Element. Und so konnte sie manches wieder an die Oberfläche befördern, das andere nicht erreichen konnten. Das war ihr Lebensunterhalt, seit sie ihn sich selbst verdienen musste. Sie konnte davon leben, nicht wie Krösus(1) selbstverständlich, aber relativ gut. Sie lebte in der Nähe des Strandes in einer sehr einfach gebauten Hütte, die nur Platz für sie selbst und die wenigen Dinge, die sie ihr Eigen nannte, hatte. Einen Großteil des Geldes, das ihr das Tauchen einbrachte, sparte sie. Sie hatte den festen Plan, den Planeten zu verlassen und woanders hin zu gehen, doch dazu brauchte sie genügend Geld.

Rán war schnell als die beste Taucherin an der Küste bekannt geworden, deshalb wandten sich manchmal auch die Besitzer abgestürzter Schiffe an sie, damit sie bestimmte Dinge wiederbeschaffen sollte. Aber nicht heute. Nicht an ihrem Geburtstag. Auch wenn der Tag wie immer einsam war. Hier auf Yekan war ihr in den vergangenen dreizehn Jahren kein anderer Neptunier begegnet, nur ein paar Terraner, die mit ihr damals im Rahmen des Schüleraustauschs hergekommen waren. Doch die hatten die erste Gelegenheit genutzt, den Planeten zu verlassen. Seither hatte sie von ihnen nichts mehr gehört. Die anderen Taucher, das waren hauptsächlich Rutula’ani und Gallarder. Die Yekaner selbst tauchten nicht so gern, auch wenn sie hin und wieder Erfrischung im Wasser suchten. Also machten sie den „Fremden“ das Geschäft nicht streitig, im Gegenteil, sie empfanden es als äußerst nützlich, dass jemand diese Arbeit tat.

„Was ist das denn? Macht sich meine Lieblingsneptunierin an ihrem Festtag etwa dunkle Gedanken?“

Rán wurde aus ihren Gedanken gerissen. Sie drehte den Kopf. Unbemerkt war ein alter Yekaner an ihre Seite getreten. Das konnten sie sowieso sehr gut, sich anschleichen. Die Löwenmähne des Yekaners war mit silbernen Strähnen durchzogen und sein Gebiss, das er beim Sprechen entblößte, war nicht mehr ganz vollständig. Er bückte sich und legte ihr seine rechte Pranke auf die Schulter. Obwohl sie einer menschlichen Hand sehr glich, war sie doch durch ihre Krallen ein gefährliches Instrument und ihr war deutlich anzusehen, dass diese Spezies ursprünglich kräftige Tatzen gehabt hatte.

„Alles Gute zu Deinem Geburtstag, Rán“, sagte der Löwe etwas leiser, „mögen viele glückliche Jahre folgen.“

Sie erhob sich und fiel ihm in die Arme. „Ich danke Dir, Rabarro“, erwiderte sie. „So bekommt der Tag wenigstens ein wenig Glanz.“

Es dauerte, bevor die beiden sich wieder voneinander lösten. „Nun erzähl’ mal“, fragte der Alte, „was hast Du heute denn für Schätze ans Tageslicht befördert?“

„Gar keine“, gab Rán ehrlich zurück, „heute ist mein Geburtstag, ich gehe nicht tauchen. Jedenfalls nicht, um Geld zu verdienen.“

„Ah, ich verstehe, Du wirst Dir heute nur die Haut nass machen, was? Aber das dachte ich mir, deswegen habe ich Dir etwas mitgebracht.“

Rabarro griff an den Gürtel seines einfachen Gewandes. Dort hing ein kleiner Stoffbeutel an einer Schlaufe. Er zog die Schlaufe auf und griff hinein. Mit einem Geschick, das man im ersten Moment nicht für möglich gehalten hätte, holte er eine filigrane Silberkette heraus, an der ein kleiner Anhänger befestigt war. Er hielt sie Rán hin. Diese nahm sie vorsichtig in Empfang.

„Wo hast Du das denn her?“, fragte sie sprachlos.

„Das ist doch ein Tier von Deinem Heimatsystem, nicht wahr?“, entgegnete der Löwe, ohne Ihre Frage zu beantworten.

„Von Terra, ja“, murmelte sie, „das ist ein Elefant. Aus Silber. Woher ist er?“

„Einer von den anderen Tauchern hat ihn verkauft. Offenbar war er Teil der Fracht eines Raumschiffs. Ich dachte mir, es freut Dich vielleicht.“

„Das tut es.“ Sie nahm Rabarro nochmals in den Arm. Der alte Yekaner war ihr längster und bester Freund auf diesem Planeten. Bei seiner Familie hatte sie für die Zeit des Schüleraustauschs gelebt, nachdem Sol verbannt worden war, auch einige Zeit danach, bevor sie die Möglichkeit gefunden hatte, sich selbst zu versorgen. Rabarro hatte all’ die Jahre immer den Kontakt gehalten. Dass er sie an diesem besonderen Tag besuchen kam, freute sie besonders.

„Kannst Du sie mir umlegen?“, fragte sie und hielt die Kette ihrem Gegenüber hin. Nachdem er sie genommen hatte, drehte sie sich um und hob ihre Haare aus dem Nacken. Mit mehr Geschick als man es seinen Pranken auf den ersten Moment zugetraut hätte öffnete der Yekaner den Verschluss der Kette, legte sie vorsichtig um Ráns Hals und verriegelte sie wieder.

„Dann werde ich mal wieder zu meinem Clan zurückgehen“, kündigte er an, nachdem sie sich wieder zu ihm hin gedreht hatte. „Mein ältester Enkel hat bald seinen großen Tag“, erzählte er weiter, „und Du weißt ja, was das bedeutet.“

„Du musst ihm die Erwachsenenehre verleihen“, stellte Rán fest.

„Ja, so wie ich Sie Dir verliehen habe“, erwiderte der Alte, „pass’ auf Dich auf.“

„Jederzeit.“

Gedankenverloren blickte sie dem Yekaner nach. Dann drehte sie sich langsam um in Richtung Wasser. Der Strand war gesäumt von den Booten der Wracktaucher. Die waren schon von ihrer ersten Tour des Tages zurückgekehrt und gerade dabei, ihre Fundsachen zu sortieren. Vereinzelt waren schon Yekaner da, die sich diese Funde ansahen und erste Gebote machten. Einige dieser Yekaner wirkten wohlhabend, soweit man das an ihrer Kleidung festmachen konnte. Die übliche Gewandung war vom Prinzip her schlicht gehalten, ein langer Überwurf, der auf Höhe der Taille von einem Gürtel zusammengeschnürt wurde. Diese Art Kleidung war dem heißen Klima des Planeten angepasst. Doch an der Art der Überwürfe konnte man grob erkennen, welchen Status sein Träger hatte. Die der einfachen Bevölkerung war aus einfarbigem weißen oder beigen Stoff gefertigt. Je mehr und je ausgefallenere Farben ein Überwurf hatte, desto mehr hatte er gekostet.

Rán ging an allen vorbei auf das Wasser zu. Als sie es erreichte, blieb sie stehen. Eine Welle schwappte auf den Strand und spülte um ihre Füße. Sie schloss die Augen. Das Wasser auf ihrer Haut fühlte sich gut an. Sie öffnete die Augen wieder und ging weiter, bis ihr das Meer bis zur Hüfte reichte, dann warf sie sich in die Fluten. Mit kräftigen Bewegungen, die denen eines Delphins glichen, schwamm sie vorwärts, knapp an der Wasseroberfläche, zwischen den Wellen, die sich in der Nähe des Strandes brachen. Sie liebte es, durch die Gischt zu schwimmen, wenn die Wellen in sich zusammenbrachen und das Wasser umher spritzte. Die Blicke der anderen Wracktaucher fielen ihr nicht auf – und wenn, dann hätte sie sich nicht darum gekümmert. Niemand von denen verstand, dass es solche Tage gab, an denen man etwas nur für sich selbst tun musste. Sie dachten nur ans Geldverdienen, was hauptsächlich damit zusammenhing, dass sie so viele Möglichkeiten hatten, es auszugeben. Anders als Rán hatten sie offenbar kein Ziel. Nur Geld verdienen und schnell wieder ausgeben. Deswegen waren sie auch in Booten unterwegs, zum einen wegen ihrer Tauchausrüstung, zum anderen, damit sie mehr Fundstücke zum Strand bringen konnten. Auch fehlte es ihnen an Kondition, denn die Stellen, an denen man gute Sachen finden konnten, lagen weiter draußen auf dem Meer, und da musste man erst einmal hinkommen. Für Rán war das kein Problem, sie war es gewohnt, weite Strecken zu schwimmen und zu tauchen. Sie konnte dann zwar nicht so viel sammeln wie die anderen, aber sie konnte schon unter Wasser aussortieren. Dafür hatten die anderen keine Zeit wegen ihres beschränkten Luftvorrats.

Eine weitere Welle rollte über sie hinweg und sie genoss das Spiel sichtlich. Dann nahm sie ein tiefes Grollen war. Sie merkte gleichzeitig eine merkwürdige Vibration am ganzen Körper, die offenbar durch das Wasser übertragen würde. Kam da eine besonders große Welle? Sie schwamm zurück Richtung Strand, bis sie Boden unter den Füßen hatte und richtete sich auf. Die Wellen waren normal. Doch dann hörte sie laute Rufe und drehte sich in Richtung Land um. Und sie sah es.

Es war ein Raumschiff. Es kam aus der Richtung des Raumhafens. Es hatte einen großen Körper in der Mitte mit zwei seitlichen Auslegern, an denen so etwas wie Triebwerke befestigt waren. Eines dieser Triebwerke schien zu brennen, denn Flammen und dicker, schwarzer Qualm schlugen durch dessen Hülle. Das Triebwerk war es auch, das das Grollen und die Vibration erzeugte. Das Schiff flog nicht, es schlingerte mehr, wobei es dem Boden immer näher kam, in einer Höhe von ungefähr dreißig Metern den Strand überquerte und aufs Wasser hinaus flog. Rán und alle anderen, die sich am Strand aufhielten, blickten ihm ungläubig nach, als es draußen, in weiter Entfernung, auf die Wasseroberfläche prallte und explodierte. Doch schon war ein Schwarm schneller Boote zur Stelle. Spezielle Einheiten, die zur Rettung von Raumschiffbesatzungen ausgebildet waren. Eines davon war ein Löschboot, das den nun vollständig brennenden Schiffskörper mit einem Wasserstrahl bearbeitete, damit die anderen Boote ihre Arbeit machen konnten. Es war nicht genau zu erkennen, was drüben passierte, doch schließlich hoben einige Yekaner einen länglichen Metallkorb, in dem ein Körper zu liegen schien, von dem Raumschiff zurück auf eines der Boote, das sich sofort in Bewegung setzte und zum Land zurück raste.

Nach etwa einer Stunde war der Spuk vorbei. Die Boote entfernten sich von der Absturzstelle und das Schiff, das während der Rettungsaktion immer tiefer gesunken war, versank nun endgültig im Wasser. Kurze Zeit war das Meer noch aufgewühlt, dann jedoch sah alles so aus, als sei nie etwas passiert.

„Was war das denn?“

Rán fuhr erschrocken herum. Yerkilus, ein Rutula’ano, hatte sich ihr von hinten genähert. Sie war so auf das Geschehen draußen auf dem Meer konzentriert gewesen, dass sie es nicht gemerkt hatte.

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie verwirrt, „hast Du erkannt, was das für ein Schiff war?“

Yerkilus verzog die Mundwinkel. Er fuhr sich mit der Hand durch seine dunklen Haare, so dass sie hinter seine spitzen Ohren fielen. „Die Bauart war mir völlig unbekannt“, sagte er dann. „Es sah mehr aus wie ein großes Insekt, findest Du nicht?“

Rán nickte nachdenklich. Ja, der Rumpf mit den seitlichen Auslegern hatte wie ein großes Insekt mit Flügeln gewirkt.

„Aber es liegt viel zu weit draußen“, fuhr Yerkilus fort, „ist wohl wieder nur was für Dich.“

 

„Was soll das heißen, wieder?“, wollte sie wissen. „Fast alle Funde von Raumschiffen oder abgeworfenen Frachtstücken sind relativ nahe am Strand, da könnt Ihr auch danach suchen. Das da ist das erste Schiff seit mindestens fünf Jahren, das wieder so weit draußen zu liegen kommt. Und es hat gebrannt, falls Dir das nicht aufgefallen ist. Also ist sowieso fraglich, ob noch irgendetwas davon übrig ist, das sich verwenden oder verkaufen lässt.“

„He, war nicht so gemeint.“ Der Rutula’ano hob abwehrend die Hände. „Du warst heute noch gar nicht draußen, da soll Dir dieser Fund gegönnt sein.“

„Heute ist mein Geburtstag“, erklärte sie, „ich wollte eigentlich gar nicht raus.“

„Geburtstag – oh!“ Yerkilus zog eine Augenbraue nach oben. „Bei uns auf Rutulus ist das immer ein Fest für die ganze Familie.“

Familie. Rán sah ihn traurig an. Der Rutula’ano legte seine Hand mit gespreizten Fingern auf sein Gesicht. Eine rutula’anische Geste der Verlegenheit. „Verzeih mir“, bat er, „ich wollte Dich nicht daran erinnern.“

Familie. Die hatte sie seit dreizehn Jahren nicht mehr gesehen. Ihre Familie lebte in der Nebelsphäre. Oder? Eigentlich konnte sie das nur vermuten. Niemand wusste, wie es sich innerhalb der Sphäre lebte. Ob die Zeit drinnen gleich schnell verging wie außerhalb. Vielleicht stand sie still. Vielleicht vergingen dort aber auch Jahrtausende, während draußen nur Jahre vergingen. Ihre Eltern wären dann schon längst tot. Aber auch wenn die Zeit gleich verging, war das keine Garantie. Ihre Eltern hätten einen Unfall haben können. Wie war das in der Sphäre? Sah man von drinnen den Nebel ebenso wie von draußen? Vermissten die Leute drinnen Angehörige, die draußen geblieben waren? Fragen, auf die sie keine Antwort hatte. Am Himmel von Yerkan erschien fast jede Nacht wie ein Mahnmal die Nebelsphäre, die man mit bloßem Auge sehen konnte.

Rán wischte die Gedanken weg. Einer plötzlichen Eingebung folgend watete sie ins Wasser. Als es tief genug war, fing sie zu schwimmen an. Mit schnellen, kräftigen Bewegungen ging es vorwärts, bis sie schließlich die Stelle erreichte, an der das fremde Schiff gesunken war. Irgendwie wollte sie es doch wissen, also tauchte sie mit dem Kopf voran in das klare Wasser. An der Stelle gab es ein Riff, an dem sie sich orientieren konnte. Wie vermutet, war das Schiff jedoch in die tieferen Gebiete gestürzt. Eine warme Strömung, die von unten kam, wies ihr dabei den Weg. Zwar war das Feuer aus, der Reaktor schien jedoch nachzuglühen und das Wasser in der unmittelbaren Umgebung aufzuwärmen. Dann, nachdem sie etwa hundert Meter tief getaucht war, nahm sie in der zunehmenden Dunkelheit einen hellen Punkt wahr. Die Außenhülle des Schiffes war aufgerissen und der glühende Reaktor leuchtete. Die Umgebung wurde von einem merkwürdigen Licht durchflutet. Das Wasser wurde immer wärmer und auch schmutziger.

Rán konnte nicht von oben direkt an das Wrack herantauchen, denn verschiedene Verunreinigungen waren in das Wasser gekommen und wurden von der warmen Strömung mit nach oben gezogen. Stattdessen schwamm sie in etwa zwanzig Meter Entfernung von dem Schiffskörper bis zum Grund und näherte sich dann von dort. Die Hülle war an mehreren Stellen aufgebrochen. Das Triebwerk, das gebrannt hatte, war nun völlig abgerissen und lag einige Meter entfernt. Und noch immer heizte der Reaktor das Wasser auf. Rán näherte sich einer Öffnung, von der sie annahm, dass es die Hauptschleuse sein musste. Die Rettungstrupps hatten sie aufgebrochen, um die Besatzung aus dem Innern zu holen. Doch an der Schleuse konnte sie nicht mehr weiter. Sie sah das Leuchten des Reaktors und spürte die Hitze, die ihr als Strömung entgegen schlug. Da drin war es eindeutig zu heiß und es würde zu wenig Sauerstoff im Wasser haben, als dass sie den Rumpf gefahrlos durchsuchen könnte. Doch sie konnte sich ein Bild machen. Das Innere war, wie die Außenhülle auch, metallisch, jedoch herrschten runde Formen vor. Sie konnte ein paar Konsolen erkennen und so etwas wie Treppen, die auf eine andere Ebene führten. Außerdem lagen rechteckige Behälter herum, die der Aufprall wohl herumgewirbelt hatte. Keiner der Behälter war jedoch nah genug, dass sie einen Blick hätte riskieren können. Aber sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war. Der Reaktor würde sich durch das Wasser abkühlen und morgen oder spätestens übermorgen würde sie in das Wrack hinein können. Sie stieß sich von der Schleuse ab und schwamm ein Stück weg, bevor sie sich auf den Weg nach oben machte.

Als sie aus dem Wasser auftauchte, nahm Rán einen tiefen Atemzug. Das war nicht angenehm gewesen. Das warme Wasser fühlte sich merkwürdig an in ihren Kiemen. Obwohl auch die Luft recht warm war und die Sonne schien, war es jetzt aber viel besser. Sie hustete ein paar Mal kräftig und beförderte so die letzten Reste Wasser aus ihrem Körper. Dann schwamm sie in Richtung Strand.

Als sie im seichten Wasser aufstand und den Rest lief, kam Yerkilus auf sie zu.

„Du hast es nicht lassen können, oder?“, fragte er ein wenig amüsiert. „Und, wie sieht es aus?“

„Es ist noch viel zu heiß“, entgegnete Rán, „der Reaktor glüht und heizt das Wasser auf.“

„Und sonst?“

„Das Schiff hatte Fracht, falls Du das meinst“, grinste sie, „aber durch den Absturz herrscht da drin ein einziges Chaos. Das wird nicht einfach werden.“

Sie trat aus dem Wasser auf den Sand und ging weiter in Richtung Ihrer Hütte. Doch als sie aufsah, erkannte sie Rabarro, der unter einem Baum stand. Sie lächelte, als sie ihn sah.

„Gleich zwei Besuche?“, wollte sie wissen. „Das ist wirklich ein Geburtstag heute.“

„Als ich von dem abgestürzten Raumschiff hörte“, erklärte der alte Yekaner, „dachte ich mir, dass Du es möglicherweise interessant finden könntest. Ich habe ein paar Informationen für Dich.“

Rán schob ihre nassen Haare aus dem Gesicht. „Was für Informationen?“, fragte sie.

„Über das Schiff“, antwortete Rabarro. „Ich habe gehört, sie haben nur einen Piloten gefunden und gerettet. Er lebt und liegt im Hospital. Aber…“

„Aber?“

„Es handelt sich bei dem Piloten wohl um den Angehörigen einer Spezies, die uns völlig unbekannt ist. Die Ärzte wissen von daher nicht, ob sie ihn richtig behandeln. Du könntest ihm helfen, wenn Du in dem Wrack Dinge findest, die die Erkenntnisse über seine Spezies erweitern könnten, Logbücher, sonstige Daten, sowas in der Art.“

„Ich verstehe. Aber im Moment ist daran nicht zu denken. Es ist viel zu heiß in dem Wrack. Wir können nur hoffen, dass die Hilfe für den Fremden morgen nicht zu spät kommt. Wenn es von der Zeit her überhaupt reicht, um den Reaktor abzukühlen.“

Fortsetzung folgt!

(1) Eigentlich „Kroisus“, lydischer König (595 vor Christus – 546 vor Christus), für seinen sagenhaften Reichtum bekannt, daher wird sein Name als Synonym für einen reichen, im Luxus lebenden Menschen gebraucht.