Im Netz der Datenspinne – Eine ASTROCOHORS-Kurzgeschichte

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https://youtu.be/2t22SueZvBo

Jeff Holland ist wie immer auf dem Sprung. Seine Suche dauert nun schon sechs Jahre an, doch weitergekommen ist er kaum. Dabei gibt es neue Herausforderungen, denen sich die Menschheit stellen muss – eine davon lauert IM NETZ DER DATENSPINNE…

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Echos der Vergangenheit

James rutschte in seinem Stuhl zurecht. Das Bild auf dem Monitor vor ihm war verschwommen, aber die Stimme war davor gut zu hören. Er hatte noch nie verstanden, warum die Technik entweder das eine oder das andere hinbekam, aber selten beide Sachen zusammen. Noch dazu hier, in den Randzonen. War es hier nicht wichtig, guten Empfang zu haben. Aber es war wie es war, manchmal gut, manchmal nicht. Auch wenn das “nicht” überwog.

“Und es ist wirklich so kalt da?”, fragte die Frau auf dem Bildschirm.
“Allerdings”, bestätigte Hurdel. “Heute war es immerhin der wärmste Tag seit ich hier eingetroffen bin. Nur – 1° Celsius.”
“Das ist… kalt.”
Hurdel kniff die Augen zusammen. Das Bild wurde nicht besser. Ein waberndes Grau.
“Du solltest Dir vielleicht eine Brille verschreiben lassen”, meinte Ery.
“Nein, es ist das Bild. Hast Du auch so einen schlechten Empfang?”
“Klarer Ton, aber das Bild ist… sieht aus, als ob Ameisen tanzen.”
James musste lachen. Zum einen passte die Beschreibung sehr gut, zum anderen war es ein amüsanter Gedanke. Er konnte erahnen, dass Ery die Mundwinkel leicht nach oben zog. Ein wirkliches Lächeln oder gar ein Lachen war es nicht.
“Aber erzähl mal, was machst Du denn da am Rand der Zivilisation?”, fragte sie.

Hurdel seufzte. Wenn er das so genau wüsste. ASTROCOHORS musste sich neu strukturieren. Mit der Blockade des Sonnensystems waren die Haupteinrichtungen auf einen Schlag weg. Zum Glück hatte sich ein Großteil der Führungsebene gerade zu einer Konferenz auf der PORT MANTEAU befunden. Jetzt versuchten sie gerade, dort ein neues Hauptquartier zu errichten.
“Auf Deiner Station?”, hakte Ery nach. “Und warum bist Du nicht dort?”
“Das weiß der Geier”, antwortete James. “Die Ausbildung der Raumflottenkadetten muss auch neu strukturiert werden. Wir haben ja keine Akademie mehr. Also hat man uns auf eine Mission hier raus geschickt. In den Eiswall.”
“Du bist nicht zu beneiden.”
“Danke. Und wie sieht es bei Dir aus?”
“Hm.”
Hurdel versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Aber er spürte, dass etwas nicht stimmte. Und zwar ganz gewaltig nicht stimmte. Er kannte Ery schon so lange und wusste, eine knappe Antwort und ein langes Schweigen bedeutete nichts gutes.
“Manche Leute haben mehr Einfluss, als gut ist”, sagte sie schließlich.
“Das ist nichts neues”, entgegnete James. “Meinst Du jemand bestimmtes?”
“Ja. Den Captain.”
Hurdel verzog den Mund. Welchen Captain? Es gab viele Captains. Es sei denn…
“Moment!”, entfuhr es ihm, von einem Geistesblitz geblendet. “Du meinst… den Captain… der eigentlich keiner mehr ist?”
“Enquis, genau. Ron Enquis. Was hast Du mitgekriegt?”
“Ich war etwas erstaunt, aber Admiral Bareo hat ihm eine Feierstunde in der Militärbasis Tam M’Rii gegönnt. Zu seiner Verabschiedung. Obwohl er schon seit langem nicht mehr im Dienst war. Nicht entlassen, halt außer Dienst.”
Hurdel behielt einen Teil der Geschichte für sich. Trotz des schlechten Bildes konnte er die Traurigkeit in Erys Augen erkennen. Es war etwas, das durch jede Bildstörung hindurch ging und ihn tief berührte. Wenn er die ganze Geschichte erzählte, fürchtete er, würde das Ery noch mehr belasten. “Das war ja das Problem, wie Du Dich erinnerst”, sagte sie. “Es gab keine Gesetze, die zu dem passten, was er getan hat. Obwohl es falsch war, das wissen wir alle. Dieses… ‘aus dem aktiven Dienst nehmen’ war ein Kompromiss und ein Kotau vor der Familie Enquis.”
“Was auch immer. Du weißt, ich kenne Kapitänin K’Mon von der EUROPE. Sie war zur Feierstunde dort. Und sie war auch überrascht, wegen der Feierlichkeit und allem. Und was hat das mit Dir zu tun?”
“Offenbar scheint da vor Enquis’ Verabschiedung noch was gelaufen zu sein. Jedenfalls wurde mir mitgeteilt, dass ich in zwei Monaten aus dem aktiven Dienst ausscheiden muss.”

Der Captain glaubte, sich verhört zu haben. “Was!?”, brauste er auf. “Aus dem aktiven… warum, beim fliegenden Spaghettimonster?”
“Um es kurz zu machen, das ist der Grund”, war ihre Antwort. Sie hielt einen PDA hoch. Hurdel konnte zwar nicht lesen, was auf dem Bildschirm stand, aber es war jede Menge Text. Ery fuhr mit dem Finger über die Oberfläche des Geräts und der Text setzte sich in Bewegung. Jede Menge Buchstaben, Worte, Sätze… “Das ist meine Dienstakte”, hörte er sie sagen. “Die ganze Zeit, die ich bei ASTROCOHORS war, die ganzen Jahre. Sie haben alles das, was Enquis mir zum Vorwurf gemacht hat, wieder reaktiviert. Und zusammen mit den letzten Vorkommnissen…”
“Moment!”, unterbrach Hurdel. “Mit der AURORA? Das wirft man Dir vor?”
“Ja. Macht ja nix, dass eine Bande Aufständischer meint, mal eben die Demokratie in der Planetenunion abschaffen zu wollen, nein, dass die AURORA Schaden davongetragen hat, das ist der Knackpunkt! War ja klar!”
“Weißt Du, was merkwürdig ist? Ich habe nichts davon mitbekommen. Man hat auch keine Aussage oder dergleichen von mir geholt. Wie kann das sein? Ich war doch auch unmittelbar dabei.”
“Laut diesem Schriftsatz wurden lediglich die Protokolle begutachtet”, erklärte Ery. “Und da wurde eindeutig festgestellt, dass meine eigenmächtigen Entscheidungen zu der Situation geführt haben. Diese Verfehlungen hätten dazu geführt, dass die Löschung der Tatbestände, die auf Captain… Sorry, Ex-Captain Enquis zurückzuführen sind, zurückgenommen wurde. Und damit bin ich für die Flotte nicht mehr haltbar.”
James sank in seinen Sitz zurück. Ihm war, als hätte ihn eine Keule mitten ins Gesicht geschlagen. War war nur los? Wie konnte das zugehen? Noch dazu, da klar war, dass die Familie Enquis mit dem Verräter Faku paktiert hatte! Aber ja, Enquis hatte die Bürokratie der Flotte zu seinem Vorteil genutzt. Trotzdem war da immer noch eine Ungereimtheit: Warum hatte es Hurdel nicht betroffen? Hatte Enquis nicht genauso viel Grund, ihm an den Karren zu fahren? Oder… lauerte da noch eine Gefahr in der Dunkelheit?
“Nimm es mir bitte nicht übel”, hörte er Ery sagen, “aber ich bin… ich kann… ich mag im Moment nicht so viel reden. Lass uns für heute Schluss machen.”
“Natürlich”, seufzte Hurdel. “Aber Du weißt, wenn was ist – ich bin da. Auch wenn im Moment Lichtjahre zwischen uns liegen. Ich würde Dich echt mal wieder gern treffen.”
“Danke Dir”, sagte sie. “Pass auf Dich selber auf, ja?”
“Mach ich. Du aber auch!”
“Klar!”

Die Bildübertragung nach Juvj war nicht die beste.

Der Bildschirm vor Hurdel wurde dunkel. Es war ein großer Bildschirm, deswegen war das mit dem schlechten Empfang nicht ganz so anstrengend für die Augen. Hurdel saß auf dem Sofa im Wohnzimmer seiner Habitateinheit. Das musste er jetzt erstmal verdauen. Was lief da nur? Hatte man nicht alle Führungsoffiziere, die mit Faku paktiert hatten, von ihren Posten entfernt? Hatte die Familie Enquis noch Seilschaften? Würde auch er betroffen sein? Dennoch, am meisten entsetzte ihn das, was Ery erzählt hatte. Er erinnerte sich, wie er als Kadett vor über 30 Jahren angefangen hatte. Ein holpriger Anfang, aber es schien auch der Beginn eines neuen Zeitalters zu sein. Alles war so aufregend. Die Raumflotte eine ehrbare Organisation, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzte. Doch während der letzten 30 Jahre musste er feststellen, dass dieser wunderschöne Baum von Innen her verfault zu sein schien. Nein, tadelte er sich selbst. Wenn er verfault wäre, gäbe es keine Hoffnung mehr. Dann würde man ihn fällen müssen. Das kam nicht in Frage! Aber es musste etwas unternommen werden. Nur was?

“Computer”, sprach er die A.I. seines Quartiers an, “kannst Du… so eine Art Überwachung einrichten?”
“Bitte spezifizieren”, antwortete die A.I. “Was für eine Art Überwachung?”
“Sagen wir mal, falls jemand meine Dienstakte einsehen möchte.”
“Eine sehr ungewöhnliche Anfrage, aber das ist möglich.”
“Dann mach das bitte. Und gib mir sofort Bescheid, wenn es geschieht, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.”
“Ich gebe Bescheid, sobald jemand Ihre Dienstakte einsehen möchte, Captain.”
“Danke. Und jetzt brauche ich eine Aufenthaltsortsbestimmung, falls das möglich ist…”

Die Basis auf dem Eisplaneten

Das Bodenfahrzeug wälzte sich den kleinen Berg hinauf. Es war eine ordentliche Steigung, trotzdem tat es tapfer seinen Dienst. Trotzdem fragte sich Hurdel, wer bei der Planung dieser Basis auf die glorreiche Idee gekommen war, die Wohngebäude auf einer Anhöhe zu errichten. Gut, man hatte von da aus einen schönen Blick ins Tal, aber das war auch schon alles. Es gab sowieso nicht viel zu sein. Eis. Schnee. Kälte. Ein permanent grauer Himmel, der bei sehr wenigen Gelegenheiten – meistens um die Mittagszeit – mal blau wurde. Und nur dann wurde es hier richtig hell.

Captain Hurdel tippte auf das kleine Display, das sich neben der Steuerung des Bodenfahrzeugs befand.
“Keine Sorge, Captain”, meldete seine persönliche A.I. zurück. “Die Antriebsräder haben noch immer Bodenhaftung und die Energiezellen sind immer noch zu 50 % voll. Ihre Wohneinheit ist nur noch fünfzehn Meter entfernt. Das schaffen wir.”
Hurdel brummte vor sich hin. Das war alles sehr schnell gegangen.

Noch ein paar Tage zuvor hatte er sich auf der PORT MANTEAU befunden und alles schien auf langweilige Routine hinauszulaufen. Doch dann kam eine Meldung von Konteradmiral Richards. Neue Pläne! Eine neue Mission. Da das Sonnensystem Sol immer noch von den anderen Teilen der Galaxis abgeschnitten war, wurde es langsam Zeit, irgendetwas zu unternehmen. Dummerweise befand sich die Akademie von ASTROCOHORS auf der Erde. Andererseits gab es reihenweise Kadetten, die im ganzen All verstreut darauf warteten, dass die Ausbildung endlich weitergeht. Aber ausgerechnet Juvj?

Der Planet Juvj (Werbung). Bild: Storyblocks

Juvj gehörte zu den Welten des so genannten “Eiswalls”, einem Phänomen, dem alle möglichen Forscher dieses Teils der Galaxis seit Jahren und Jahrzehnten auf die Spur zu kommen versuchten. Warum gab es diese Sonnensysteme auf beiden Seiten des Orion-Arms unserer Galaxis? Sie beuten ein eigenartiges Feld auf, das dafür sorgte, dass es keine Hyperraumrouten aus dem Bereich des Orion-Arms heraus gab. Der Orion-Arm selbst war mit einigen dieser Routen ausgestattet, doch die endeten alle spätestens am Eiswall – oder besser gesagt, an beiden Eiswällen. Die Sonnen dieser Systeme waren dunkel, hatten ihre besten Tage bereits hinter sich.

Entsprechend sahen die Planeten aus, auch sie hatten ihre besten Tage hinter sich. Wenn die Planeten überhaupt eine Atmosphäre hatten, dann waren es Eiswelten, so wie Juvj. Hurdel kam ein Werbebild in den Sinn, dass er gesehen hatte. Auf dem Bild wurde Juvj als freundlicher Schneeball mit Bäumen vor einem blauen Himmel mit weißen Wolken dargestellt. Das Bild sollte Angehörige von ASTROCOHORS dazu bewegen, sich zum Dienst auf der BASIS EEDJ zu verpflichten. Das taten nur zu wenige. Deswegen gab es manchmal Dienstverpflichtungen.

Hurdel seufzte. So wie bei ihm. Konteradmiral Richards hatte das ganze angestoßen. Er hatte ein Team zusammengestellt, das zusammen mit einer ganzen Ladung Kadetten auf Juvj landen und in der Basis Eedj arbeiten sollten. Für eine gewisse Zeitlang. Wie lang genau, darüber hatte sich Richards nicht ausgelassen. Vielleicht war das besser so.

Der Captain zog das Steuer herum. Das Bodenfahrzeug fuhr von der Piste, die man für die Fahrzeuge geräumt hatte, auf die Seite und kam vor einem Gebäude zu stehen, das komplett eingeschneit war. Das Habitat, in dem er seit ein paar Tagen wohnte. Hurdel zog seine Thermojacke zu und stieg aus. Auf den Eiswelten hatte es immer Minusgrade. Er packte die Schutzfolie aus und bedeckte damit die Frontscheibe des Bodenfahrzeugs. Damit würde sie über Nacht nicht einfrieren. Dann sah er sich um. Warum, beim fliegenden Spaghettimonster, funktionierte die Pistenbeleuchtung schon wieder nicht? Es wurde schon dunkel… Hurdel musste grinsen, als ihm dieser Satz durch den Kopf fuhr. Auf Juvj war es nie besonders hell. Und das bisschen Helligkeit verschwand schon recht früh am Tag, um einer stockfinsteren Dunkelheit zu weichen, nur unterbrochen von den Beleuchtungen der Habitate.

Jedenfalls funktionierte die Pistenbeleuchtung nicht. Ausgerechnet jetzt, denn Hurdel musste auch noch den Weg zum Eingang freimachen, auf den es heute frisch geschneit hatte. Also packte er die Schaufel, die neben dem Eingang parat stand, und machte sich an die Arbeit. Er legte den steinernen Weg frei, so gut er konnte. Dann holte er den Eimer mit dem Mineralpulver. Das Pulver sollte verhindern, dass neuer Schnee liegenblieb und sich über Nacht Eis auf dem Weg bildete. Aber der Eimer war verdächtig leicht. Als er ihn öffnete, war es Gewissheit: Das Gefäß war fast leer. Der Captain seufzte – erneut -, nahm die Dosierschaufel und verteilte den Rest, so gut er konnte. Mal sehen, ob es was brachte. Aber am nächsten Tag würde er ins Depot fahren müssen, um neues Mineralpulver zu holen.

Nachdem alles getan war, betrat Hurdel die Schleuse zum Habitat. Draußen war es unangenehm kalt, das ändert sich, sobald er drin war. Das Habitat war aus einer Mischung von Pflanzenfasern mit Isolation und einem zementähnlichen Material erbaut und es hielt die Wärme recht gut. Hurdel ging die Treppe hinauf. Im mittleren Geschoss des Gebäudes befand sich seine Wohneinheit. Er hatte noch Gelegenheit gehabt, sich hier etwas wohnlich einzurichten.

Es war klein und erinnerte im Moment eher an ein Warenlager. Aber Hurdel war froh, drin zu sein. Er hatte sich der nassen Schuhe schon im Treppenhaus entledigt, nun hängte er seine Thermojacke auf und ging direkt ins Schlafzimmer. Hier zog er seine Uniform aus und schlüpfte in Privatklamotten. Schon fühlte er sich noch ein klein wenig wohler.

Dann ging er in die Küche und holte einen Pflanzendrink aus dem Kühlschrank. Er nahm die Dose mit Nahrungsmittelkonzentrat und rührte sich sein “Abendessen” an. Auf Juvj durfte man nicht wählerisch sein. Und fertig angerührt schmeckte das Nahrungsmittelkonzentrat nach cremiger Banane.

“Captain”, sagte seine A.I. in diesem Moment, “sie hatten in letzter Zeit sehr wenig soziale Interaktion.”
Hurdel schnaubte. War das ein Wunder? “Ja, und?”
“Das ist nicht gut. Es liegt in der Natur des Menschen, mit seinen Artgenossen Umgang zu haben.”
“Ich wiederhole mich: Ja, und?”
“Sie sollten dringend einen sozialen Kontakt haben.”

Na, das war ja einfach! Er sollte dringend einen sozialen Kontakt haben. Wie stellte sich die Maschine das vor… Hurdel revidierte den Satz, da noch nicht bewiesen war, dass künstliche Intelligenz sowas wie Fantasie besaß. Trotzdem: Welche Strategie plante die A.I., mit der Hurdel seine “soziale Interaktion” würde haben können? Oder etwa… oh, nein!

“Ich habe Ihnen zweiundzwanzig neue Profile auf drei Datingplattformen herausgesucht, Captain”, erklärte die A.I. Nicht mal auf so einem Planeten wie Juvj war man also davor gefeit. Auf dem Planeten gab es keine Ureinwohner. Der ganze Himmelskörper war mit Schnee und Eis überzogen, es lebten hier ein paar Pflanzen, die sich an die Witterung angepasst hatten und ein paar wenige Tiere. Das war’s dann auch schon. Alles andere waren Forschungseinrichtungen wie die Basis Eedj. ASTROCOHORS und verschiedene andere Forschungsorganisationen dürften auf dem ganzen Planeten so ungefähr zwanzigtausend Leute stationiert haben. Und offenbar gab es hier immer noch Kandidatinnen für Datingplattformen.

“Naaaaa schön”, nölte Hurdel und zog seinen PDA heraus, “dann zeig mal, was Du hast.”
Die A.I. rief die Profile auf. Beziehungsweise das, was als Profile bezeichnet wurde. Schon das erste Profil war keins, denn da standen keine Angaben. Es gab nur ein Bild von einem Hund. Weg damit.
Bild mit Sonnenbrille. Weg.
Streckt auf dem Bild die Zunge raus und sieht albern aus. Weg.
Bild einer Landschaft. Dürftige Profilangaben. Weg.
Das Profil sagt, die Frau sei 45, auf dem Bild – das eindeutig ein professionelles Modellfoto ist, das von irgendwo geklaut wurde – sieht die Frau aus wie Anfang 20. Weg.

Schulbildung: Schule des Lebens. Für Hurdel ein Alarmzeichen. Immer häufiger hatte er in letzter Zeit festgestellt, dass “Schule des Lebens” als Euphemismus für “stolz auf eigene Bildungslücken” und “wissenschaftsfeindlich” stand. Weg.

Bild einer Hand. Der Rest der Frau ist nicht zu sehen. Weg.

Bild von Albert Einstein, daneben der Spruch: “Wir nutzen nur 10 % unseres geistigen Potentials.” Hurdel schüttelte den Kopf. Das war kein Zitat von Einstein. Mal ganz davon abgesehen war es Blödsinn. Natürlich nutzte der Mensch mehr als nur 10 % seines Gehirns. Der Spruch zeigte eher, dass die Erstellerin des Profils nur 10 % ihres geistigen Potentials nutzte. Weg.

Profilbeschreibung: “Im Originalzustand ohne künstliche Zusätze – also ungeimpft!” Wissenschaftsfeindlich. Weg.

Weg. … Weg. … Weg. … Weg. … Weg.

“Okay, das hat keinen Sinn”, sagte Hurdel laut. “Lassen wir es für heute gut sein.”

“Verstanden, Captain”, gab die A.I. zurück. “Einstweilen könnte ich Ihnen die virtuelle Realität vorschlagen, wenn Sie sich einsam fühlen. Der oberflächenaktive VR-Anzug ermöglicht Ihnen eine sehr realistische Simulation von…”
“NEIN!”
“Verstanden, Captain.”

Die A.I. hatte vielleicht Nerven. Hurdel ging in das Wohnzimmer seiner Wohneinheit und ließ sich aufs Sofa fallen. Da saß er einen Moment lang, bewegungslos, antriebslos. Das hatte er seit ein paar Tagen. Juvj war jetzt nicht der tollste Planet, aber eigentlich sollte er doch froh sein, wieder auf eine Mission gehen zu dürfen. Auch wenn es eine eher einfache war. Er starrte die Wand an.
“Planänderung”, sagte er dann zur A.I., “zeig mir doch mal, was Du da so hast an Simulationen…”

Auf die Zukunft

“Captain, wenn ich darf?”
Hurdel ließ die Augen geschlossen. Er hatte es gerade geschafft, die Gedanken mal etwas zur Ruhe kommen zu lassen. Was wollte der dämliche Stationscomputer denn jetzt schon wieder?
“Was ist los?”, wollte er wissen.
“Ich soll Sie daran erinnern, dass gleich eine Vorlesung der Akademie beginnt”, sagte der Computer.
“Ist mir egal.”
“Captain, ich darf Sie daran erinnern, dass Sie nur auf Bewährung auf ihrem Posten sind und von daher…”
“…die Lektionen der Akademie durchmachen sollten, um die entsprechenden Prüfungen zu bestehen, ich weiß”, sagte Hurdel. “Nochmal: Es ist mir egal. Ich werde meine Arbeit zum Ende des Semesters abgeben und das wird dann schon passen. Ich bin müde. Ich habe die Schnauze voll.”
“Aber wollen Sie das Semester denn nicht mit einer guten Note abschließen?”
“Noten sind eine Illusion. Gute Noten ganz besonders. Lass mich Dir eins sagen, Computer, ob es eine gute oder nicht so gute Note ist, ist völlig egal. Bestehen, das ist wichtig. Egal wie.”
“Meine Audiosensoren registrieren Frust in Ihrer Stimme, mehr als sonst.”
“Ist das ein Wunder? Die Situation wird immer schlimmer und ich habe das Gefühl, in ein Mahlwerk geraten zu sein. Das Kommando über diese Raumstation, das erledigt sich nicht von allein. Wir haben den Kontakt zur Erde verloren. Mehrere Regierungen der Planetenunion geraten unter den Druck von Extremisten. Und Du erzählst mir, dass ich ein Nasenwasser auf gute Noten geben soll?”
“Das Bild ist mir nicht vertraut, Captain. Wie meinen Sie das?”
“Ich meine, dass Angesichts der Situation der Galaxis gute Noten von nachrangiger Bedeutung sind. Hat die Admiralität von ASTROCOHORS uns nicht ermahnt, auf unsere Resilienz zu achten? Wenn ich mich zerreibe, ist es aus mit der Resilienz.”
“Kann ich etwas tun, Captain?”
“Ja. Lass den Quatsch mit Terminen und Statusberichten. Erzähle mir etwas positives. Etwas, das vielleicht Hoffnung machen lässt.”
“Ich verarbeite.”

Der Computer schwieg ungefähr zehn Sekunden lang. Dann kam eine Rückmeldung: “Vielleicht das hier. Ich kann Ihnen vermelden, Captain, dass heute auf der Raumstation PORT MANTEAU insgesamt sechs Kinder auf die Welt gekommen sind, zwischen 5.29 Uhr und 16.49 Uhr.”
Jetzt öffnete Hurdel die Augen. “Erstaunlich”, meinte er.
“Was finden Sie erstaunlich, Captain?”, fragte der Computer.
“Mitten im größten Chaos – und ich behaupte, dieser Teil der Galaxis befindet sich im größten Chaos seit dem Galaktischen Krieg – passieren diese kleinen Dinge, die… ja, vielleicht wirklich etwas positives für die Zukunft sein können. Zumindest ein Versprechen. Eine Aufgabe. Dass es sich lohnt, etwas zu tun und diesen Neugeborenen eine lebenswerte Zukunft zu bieten.”
“Auf die Zukunft, Captain.”
“Auf die Zukunft, Computer. Und jetzt… lass mich weiter in Ruhe…”

Auf die Zukunft…

VERIS BASTION

Admiral McCloud überlegte, wie lange er nicht mehr hier gewesen war. Wann hatte VERIS BASTION überhaupt zuletzt eine entscheidende Rolle gespielt? Aber die Zeiten waren… McCloud unterbrach seinen eigenen Gedankengang. Sind wir schon wieder hier? Die Zeiten sind besonders, hatte er denken wollen. Getreu dem Motto “Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen”. Was für ein Klischee! Aber so war es nun mal. Die Nachrichten, die von außerhalb des Sonnensystems kamen, klangen nicht sehr gut. Es brodelte. Insofern tat die Blockade, die immer noch herrschte, dem Sonnensystem direkt einen Gefallen.

Photo by Jesse Echevarria on Unsplash

Aber es war ja nicht so, dass man im Sonnensystem keine Probleme hatte. Uranus machte immer noch Probleme. Sie hatten zwar Scurra, den Ursupator, aus dem Amt gejagt, aber sie waren zu feige, ihn anzuklagen. Oder es lag daran, dass er noch genügend Verbündete hatte. Auf den Monden des Jupiter sah es nicht anders aus. Allein deswegen wurde es Zeit, einen Gegenpunkt zu setzen.

VERIS BASTION war eine Raumstation, die auf einem Asteroiden des Asteroidengürtels positioniert war. Dieser Asteroid war Vesta, das zweitgrößte und hellste Objekt des Gürtels. Vesta war selbst von der Erde aus zu sehen. Man vermutete, dass es sich dabei um einen Protoplaneten handelte, allerdings war er nicht rund, wie andere Planeten. Er war unförmig wie eine Kartoffel. Daher schwankte der Durchmesser zwischen 446 und 573 Kilometern. Die BASTION war ursprünglich als Minenkolonie in den Fels gegraben worden. Die Station hatte gerade ein paar Tage zuvor ihr Jubiläum gefeiert – am 26. Januar vor 27 Jahren hatte sie ihren Dienst aufgenommen. Seither war sie Stück für Stück erweitert worden. Irgendwann stagnierte der Ausbau und es schien so, als wollte man die BASTION aufgeben. Doch sie hielt sich. Und nun wurde sie wieder wichtig.

“Wir sind soweit, Sir!”

McCloud wurde endgültig aus seinen Gedanken gerissen. “Alles vorbereitet?”, wollte er wissen.

“Die BASTION kann senden. Wir haben auch die letzten Tage immer wieder Probesendungen gemacht. Es hat funktioniert”, erklärte der Techniker, der McCloud gerade angesprochen hatte. Der Admiral erinnerte sich, dass jener sich mit “Kraftheinz” vorgestellt hatte. McCloud hatte das für einen Scherz gehalten, aber es war wohl so. Petty Officer Tomy Kraftheinz.

“Und die zugehörigen Abteilungen?”

“Confetticheck A-OKAY”, kam es zurück. McCloud verzog das Gesicht. Das war irgendsoein Militärdings, der “Confetticheck”. Aber Hauptsache, alles lief. “Der Nachrichtensender 5014R hat seine Stationen EXPRESS und REPORT auf Empfang gestellt. Der Unterricht an der Akademie findet weiter statt – unter besonderen Vorkehrungen! Und auch Hamrag Yatlerot hat sich klar gemeldet”, fügte Kraftheinz hinzu. “Wir warten auf ihr Zeichen, Admiral!”

“Computer!”, sprach McCloud in den Raum. “Verbindung zu ASTROCOHORS Command aufnehmen, gesicherter Kanal.”

Es dauerte ein paar Sekunden. Dann meldete der Computer: “Verbindung steht, Kanal gesichert.”

Auf dem Bildschirm der Hauptzentrale erschienen mehrere Gesichter. Leute aus der Führungsebene von ASTROCOHORS. Der große Bildschirm teilte sich in immer mehr kleinere Bildschirme auf. Es sah aus, wie aus einem Video von Queen.

“Es freut mich, dass Sie alle die Zeit gefunden haben, diesem Moment beizuwohnen”, sprach McCloud. “Wir sind soweit!” Er nickte Kraftheinz zu. Dieser stellte sich an ein Pult und hob seine Hand über einen Knopf.

“Aktivieren!”, befahl McCloud. Kraftheinz drückte den Knopf.

Per Aspera Ad Astra

Per Aspera Ad Astra

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https://youtu.be/zyZce2S2LrE
The early light is breaking
 The morning sun is waiting in the sky
 And I think I'm gonna break away
 And follow where the birds of freedom fly

 I need to give, I need to live
 For the world is slowly turning
 And the lights of love are burning in my eyes

 Caravans, oh my soul is on the run
 Overland, I am flying
 Caravans moving out into the sun
 Oh I don't know where I'm going
 But I'm going

 - Mike Batt: "Caravan Song"