Die Basis auf dem Eisplaneten
Die Basis auf dem Eisplaneten

Die Basis auf dem Eisplaneten

Das Bodenfahrzeug wälzte sich den kleinen Berg hinauf. Es war eine ordentliche Steigung, trotzdem tat es tapfer seinen Dienst. Trotzdem fragte sich Hurdel, wer bei der Planung dieser Basis auf die glorreiche Idee gekommen war, die Wohngebäude auf einer Anhöhe zu errichten. Gut, man hatte von da aus einen schönen Blick ins Tal, aber das war auch schon alles. Es gab sowieso nicht viel zu sein. Eis. Schnee. Kälte. Ein permanent grauer Himmel, der bei sehr wenigen Gelegenheiten – meistens um die Mittagszeit – mal blau wurde. Und nur dann wurde es hier richtig hell.

Captain Hurdel tippte auf das kleine Display, das sich neben der Steuerung des Bodenfahrzeugs befand.
“Keine Sorge, Captain”, meldete seine persönliche A.I. zurück. “Die Antriebsräder haben noch immer Bodenhaftung und die Energiezellen sind immer noch zu 50 % voll. Ihre Wohneinheit ist nur noch fünfzehn Meter entfernt. Das schaffen wir.”
Hurdel brummte vor sich hin. Das war alles sehr schnell gegangen.

Noch ein paar Tage zuvor hatte er sich auf der PORT MANTEAU befunden und alles schien auf langweilige Routine hinauszulaufen. Doch dann kam eine Meldung von Konteradmiral Richards. Neue Pläne! Eine neue Mission. Da das Sonnensystem Sol immer noch von den anderen Teilen der Galaxis abgeschnitten war, wurde es langsam Zeit, irgendetwas zu unternehmen. Dummerweise befand sich die Akademie von ASTROCOHORS auf der Erde. Andererseits gab es reihenweise Kadetten, die im ganzen All verstreut darauf warteten, dass die Ausbildung endlich weitergeht. Aber ausgerechnet Juvj?

Der Planet Juvj (Werbung). Bild: Storyblocks

Juvj gehörte zu den Welten des so genannten “Eiswalls”, einem Phänomen, dem alle möglichen Forscher dieses Teils der Galaxis seit Jahren und Jahrzehnten auf die Spur zu kommen versuchten. Warum gab es diese Sonnensysteme auf beiden Seiten des Orion-Arms unserer Galaxis? Sie beuten ein eigenartiges Feld auf, das dafür sorgte, dass es keine Hyperraumrouten aus dem Bereich des Orion-Arms heraus gab. Der Orion-Arm selbst war mit einigen dieser Routen ausgestattet, doch die endeten alle spätestens am Eiswall – oder besser gesagt, an beiden Eiswällen. Die Sonnen dieser Systeme waren dunkel, hatten ihre besten Tage bereits hinter sich.

Entsprechend sahen die Planeten aus, auch sie hatten ihre besten Tage hinter sich. Wenn die Planeten überhaupt eine Atmosphäre hatten, dann waren es Eiswelten, so wie Juvj. Hurdel kam ein Werbebild in den Sinn, dass er gesehen hatte. Auf dem Bild wurde Juvj als freundlicher Schneeball mit Bäumen vor einem blauen Himmel mit weißen Wolken dargestellt. Das Bild sollte Angehörige von ASTROCOHORS dazu bewegen, sich zum Dienst auf der BASIS EEDJ zu verpflichten. Das taten nur zu wenige. Deswegen gab es manchmal Dienstverpflichtungen.

Hurdel seufzte. So wie bei ihm. Konteradmiral Richards hatte das ganze angestoßen. Er hatte ein Team zusammengestellt, das zusammen mit einer ganzen Ladung Kadetten auf Juvj landen und in der Basis Eedj arbeiten sollten. Für eine gewisse Zeitlang. Wie lang genau, darüber hatte sich Richards nicht ausgelassen. Vielleicht war das besser so.

Der Captain zog das Steuer herum. Das Bodenfahrzeug fuhr von der Piste, die man für die Fahrzeuge geräumt hatte, auf die Seite und kam vor einem Gebäude zu stehen, das komplett eingeschneit war. Das Habitat, in dem er seit ein paar Tagen wohnte. Hurdel zog seine Thermojacke zu und stieg aus. Auf den Eiswelten hatte es immer Minusgrade. Er packte die Schutzfolie aus und bedeckte damit die Frontscheibe des Bodenfahrzeugs. Damit würde sie über Nacht nicht einfrieren. Dann sah er sich um. Warum, beim fliegenden Spaghettimonster, funktionierte die Pistenbeleuchtung schon wieder nicht? Es wurde schon dunkel… Hurdel musste grinsen, als ihm dieser Satz durch den Kopf fuhr. Auf Juvj war es nie besonders hell. Und das bisschen Helligkeit verschwand schon recht früh am Tag, um einer stockfinsteren Dunkelheit zu weichen, nur unterbrochen von den Beleuchtungen der Habitate.

Jedenfalls funktionierte die Pistenbeleuchtung nicht. Ausgerechnet jetzt, denn Hurdel musste auch noch den Weg zum Eingang freimachen, auf den es heute frisch geschneit hatte. Also packte er die Schaufel, die neben dem Eingang parat stand, und machte sich an die Arbeit. Er legte den steinernen Weg frei, so gut er konnte. Dann holte er den Eimer mit dem Mineralpulver. Das Pulver sollte verhindern, dass neuer Schnee liegenblieb und sich über Nacht Eis auf dem Weg bildete. Aber der Eimer war verdächtig leicht. Als er ihn öffnete, war es Gewissheit: Das Gefäß war fast leer. Der Captain seufzte – erneut -, nahm die Dosierschaufel und verteilte den Rest, so gut er konnte. Mal sehen, ob es was brachte. Aber am nächsten Tag würde er ins Depot fahren müssen, um neues Mineralpulver zu holen.

Nachdem alles getan war, betrat Hurdel die Schleuse zum Habitat. Draußen war es unangenehm kalt, das ändert sich, sobald er drin war. Das Habitat war aus einer Mischung von Pflanzenfasern mit Isolation und einem zementähnlichen Material erbaut und es hielt die Wärme recht gut. Hurdel ging die Treppe hinauf. Im mittleren Geschoss des Gebäudes befand sich seine Wohneinheit. Er hatte noch Gelegenheit gehabt, sich hier etwas wohnlich einzurichten.

Es war klein und erinnerte im Moment eher an ein Warenlager. Aber Hurdel war froh, drin zu sein. Er hatte sich der nassen Schuhe schon im Treppenhaus entledigt, nun hängte er seine Thermojacke auf und ging direkt ins Schlafzimmer. Hier zog er seine Uniform aus und schlüpfte in Privatklamotten. Schon fühlte er sich noch ein klein wenig wohler.

Dann ging er in die Küche und holte einen Pflanzendrink aus dem Kühlschrank. Er nahm die Dose mit Nahrungsmittelkonzentrat und rührte sich sein “Abendessen” an. Auf Juvj durfte man nicht wählerisch sein. Und fertig angerührt schmeckte das Nahrungsmittelkonzentrat nach cremiger Banane.

“Captain”, sagte seine A.I. in diesem Moment, “sie hatten in letzter Zeit sehr wenig soziale Interaktion.”
Hurdel schnaubte. War das ein Wunder? “Ja, und?”
“Das ist nicht gut. Es liegt in der Natur des Menschen, mit seinen Artgenossen Umgang zu haben.”
“Ich wiederhole mich: Ja, und?”
“Sie sollten dringend einen sozialen Kontakt haben.”

Na, das war ja einfach! Er sollte dringend einen sozialen Kontakt haben. Wie stellte sich die Maschine das vor… Hurdel revidierte den Satz, da noch nicht bewiesen war, dass künstliche Intelligenz sowas wie Fantasie besaß. Trotzdem: Welche Strategie plante die A.I., mit der Hurdel seine “soziale Interaktion” würde haben können? Oder etwa… oh, nein!

“Ich habe Ihnen zweiundzwanzig neue Profile auf drei Datingplattformen herausgesucht, Captain”, erklärte die A.I. Nicht mal auf so einem Planeten wie Juvj war man also davor gefeit. Auf dem Planeten gab es keine Ureinwohner. Der ganze Himmelskörper war mit Schnee und Eis überzogen, es lebten hier ein paar Pflanzen, die sich an die Witterung angepasst hatten und ein paar wenige Tiere. Das war’s dann auch schon. Alles andere waren Forschungseinrichtungen wie die Basis Eedj. ASTROCOHORS und verschiedene andere Forschungsorganisationen dürften auf dem ganzen Planeten so ungefähr zwanzigtausend Leute stationiert haben. Und offenbar gab es hier immer noch Kandidatinnen für Datingplattformen.

“Naaaaa schön”, nölte Hurdel und zog seinen PDA heraus, “dann zeig mal, was Du hast.”
Die A.I. rief die Profile auf. Beziehungsweise das, was als Profile bezeichnet wurde. Schon das erste Profil war keins, denn da standen keine Angaben. Es gab nur ein Bild von einem Hund. Weg damit.
Bild mit Sonnenbrille. Weg.
Streckt auf dem Bild die Zunge raus und sieht albern aus. Weg.
Bild einer Landschaft. Dürftige Profilangaben. Weg.
Das Profil sagt, die Frau sei 45, auf dem Bild – das eindeutig ein professionelles Modellfoto ist, das von irgendwo geklaut wurde – sieht die Frau aus wie Anfang 20. Weg.

Schulbildung: Schule des Lebens. Für Hurdel ein Alarmzeichen. Immer häufiger hatte er in letzter Zeit festgestellt, dass “Schule des Lebens” als Euphemismus für “stolz auf eigene Bildungslücken” und “wissenschaftsfeindlich” stand. Weg.

Bild einer Hand. Der Rest der Frau ist nicht zu sehen. Weg.

Bild von Albert Einstein, daneben der Spruch: “Wir nutzen nur 10 % unseres geistigen Potentials.” Hurdel schüttelte den Kopf. Das war kein Zitat von Einstein. Mal ganz davon abgesehen war es Blödsinn. Natürlich nutzte der Mensch mehr als nur 10 % seines Gehirns. Der Spruch zeigte eher, dass die Erstellerin des Profils nur 10 % ihres geistigen Potentials nutzte. Weg.

Profilbeschreibung: “Im Originalzustand ohne künstliche Zusätze – also ungeimpft!” Wissenschaftsfeindlich. Weg.

Weg. … Weg. … Weg. … Weg. … Weg.

“Okay, das hat keinen Sinn”, sagte Hurdel laut. “Lassen wir es für heute gut sein.”

“Verstanden, Captain”, gab die A.I. zurück. “Einstweilen könnte ich Ihnen die virtuelle Realität vorschlagen, wenn Sie sich einsam fühlen. Der oberflächenaktive VR-Anzug ermöglicht Ihnen eine sehr realistische Simulation von…”
“NEIN!”
“Verstanden, Captain.”

Die A.I. hatte vielleicht Nerven. Hurdel ging in das Wohnzimmer seiner Wohneinheit und ließ sich aufs Sofa fallen. Da saß er einen Moment lang, bewegungslos, antriebslos. Das hatte er seit ein paar Tagen. Juvj war jetzt nicht der tollste Planet, aber eigentlich sollte er doch froh sein, wieder auf eine Mission gehen zu dürfen. Auch wenn es eine eher einfache war. Er starrte die Wand an.
“Planänderung”, sagte er dann zur A.I., “zeig mir doch mal, was Du da so hast an Simulationen…”